Was willst Du wirklich? Utopie-Predigt von Jutta Höcht-Stöhr

Liebe Gemeinde, liebe Gäste hier zum TatOrtZeit Gottesdienst, zuerst einmal möchte ich mich herzlich bedanken, dass Sie mich heute Abend als Predigerin nach St. Paul eingeladen haben und mir Kanzelrecht gewähren. Das ist ja selbst schon ein Stück Utopie: eine evangelische Pfarrerin in der katholischen Messe. Aber es ist eben nicht nur UTOPIE, denn längst arbeiten wir intensiv und vertrauensvoll zusammen. Nennen wir es also ein Stück Real-Utopie.

Und das diesjährige Jubiläumsjahr zum 500. Jahrestag der Reformation hat unsere beiden Kirchen auch wirklich institutionell einander nähergebracht: Das ökumenische Münchner Dreamteam von Kardinal Reinhard Marx und Ratsvorsitzendem Heinrich Bedford-Strohm, dazu Papst Franziskus in Rom, den manche Protestanten auch „unseren“ Papst nennen, haben es geschafft, dass wir uns heute gemeinsam auf die Fragen konzentrieren können, die Menschen heute wirklich bewegen.

Und das ist gut so.

Denn wir leben ja in sehr bewegenden Zeiten. Auf der globalen Ebene: Wir alle haben die Bilder vom Gipfel der Gruppe der 20 in Hamburg vor Augen. Auf der einen Seite die mächtigsten Regenten der Welt, auf der anderen Seite lauter und auch gewalttätiger Protest. Es geht um Klimafragen, um Gerechtigkeit, um Krieg und Frieden. Die ganz großen Fragen der Menschheit. Und es bewegt sich gerade viel zu wenig. Auf der gesellschaftlichen Ebene stehen die Fragen, wie wir leben wollen ganz oben auf der Tagesordnung: unser Lebensstil, unser Komfort, aber auch, was er an Ressourcen kostet. Und auf der individuellen Ebene ist es die Frage: Wo ist mein Platz in der Gesellschaft? Wo kann, wo will ich mich einbringen? Wo kann ich etwas beitragen? Wie kann mein Leben sinnvoll werden? Wie möchte ich leben?

Und damit sind wir beim Thema von heute Abend. Denn die Frage dieses Gottesdienstes lautet ja: „Was willst Du wirklich?“ – individuell, gesellschaftlich und global. Diese Frage ist das Motto der UTOPIA TOOLBOX, die für zwei Wochen bei uns in München Station macht: diese Woche am Geschwister-Scholl-Platz vor der Universität, dem Ort des Forschens und Nachdenkens und Diskutierens, und nächste Woche vor und in St. Markus und St. Paul, den Orten des Glaubens und Hoffens, den Orten der Spiritualität und der Kreativität.

„Was willst Du wirklich?“ Das ist – so einfach es klingt – eine sehr wirksame Frage. Denn würde man Sie fragen: „Was willst Du?“, würden Sie vielleicht schnell antworten und etwas sagen, das nahe liegt oder von Ihnen erwartet wird. Die Frage „Was willst du wirklich?“ aber wirkt anders auf Menschen.

Sie ist so etwas wie Stoppschild oder ein Stolperstein. Eine Unterbrechung, ein Innehalten, ein noch einmal neu Nachdenken. Will ich eigentlich, was ich die ganze Zeit tue? Will ich das wirklich oder ist es einfach so gekommen? Hat es sich über lange Zeit eingeschliffen und ist zur Routine geworden? Habe ich mich daran gewöhnt? Und will ich es noch? Wir denken darüber ja nicht die ganze Zeit nach. Eigentlich die wenigste. Meist funktionieren wir wie erwartet.

Ich möchte Ihnen in dieser UTOPIE Predigt gerne eine biblische Geschichte dazu in Erinnerung rufen, die sich dem Thema auf eigene Weise nähert.

Was willst du wirklich?

Johannes – Kapitel 5, 1 – 8   I   Heilung eines Kranken am Teich Bethesda

Es war ein Fest der Juden, und Jesus ging hinauf nach Jerusalem. Nun befindet sich in Jerusalem beim Schaftor ein Teich, der auf hebräisch Bethesda genannt ist, mit fünf Säulenhallen. In diesen lag eine Menge von Kranken: Blinde, Lahme, an Auszehrung Leidende, die auf die Bewegung des Wassers warteten. Denn zu gewissen Zeiten stieg ein Engel in den Teich herab und bewegte das Wasser. Wer nun nach der Bewegung des Wassers zuerst hineinstieg, der wurde gesund, mit welcher Krankheit auch immer er behaftet war.  Es war aber ein gewisser Mensch daselbst, der achtunddreißig Jahre krank war. Als Jesus diesen daliegen sah und erfuhr, dass es schon lange Zeit so mit ihm war, sagt er zu ihm: „Willst du gesund werden?“ Der Kranke antwortete ihm: „Herr, ich habe keinen Menschen, der mich, wenn das Wasser bewegt worden ist, in den Teich bringt. Wenn ich aber komme, steigt schon ein anderer vor mir hinab.“ Jesus spricht zu ihm: „Steh auf, nimm dein Bett auf und geh!“  Und alsbald ward der Mensch gesund und nahm sein Bett auf und ging.

Liebe utopische Gemeinde,

diese Erzählung beobachtet fein: sie beschreibt einen Ort, an dem viele Menschen, die ohne Antrieb geworden sind, liegen und warten. Der Schafteich war eine Anlage von Wasserbecken. Manchmal wurde Wasser von einem Becken in das andere geleitet, dann bewegte sich das Wasser. Die Vorstellung war, dass hier etwas Überirdisches geschieht. Eine Macht von außen eingreift. Die Menschen tun von sich aus nichts an diesem Teich. Sie warten, bis etwas von außen geschieht. Bis sich das Wasser bewegt. Erst auf dieses äußere Zeichen kommen auch sie in Bewegung. Dann aber muss es plötzlich ganz schnell gehen. Dann wollen sie alle die ersten sein.

Diese Szene ist aufschlussreich. Eine Schlüsselszene und ein Gleichnis für unser Leben. Wie das Wunder funktioniert, steht dahin. Eine objektive Erklärung gibt es nicht. Aber das bewegte Wasser ist ganz offensichtlich der Anlass, alle Glaubenskräfte zu mobilisieren. Und Glaube, eine positive Hoffnung kann Menschen wirklich heilen. Soweit so gut.

Aber das Wunder hat eine Kehrseite: Zum einen liegen Menschen hier offensichtlich sehr lange. Denn es ist eine Menge an Kranken. Nur von Zeit zu Zeit bewegt sich das Wasser. Und nur der Erste hat dabei eine Chance zu profitieren. Bei aller Lähmung der lange da Liegenden: sie begeben sich in eine Konkurrenz und in ein Wettbewerbssystem. Nur einer kann gewinnen.

Und so hat der eine, der hier in den Fokus Jesu gerät, eigentlich längst die Hoffnung aufgegeben. Er kann nicht mithalten. Er sieht das ganz realistisch: „Ich habe keinen Menschen, der mich, wenn das Wasser bewegt worden ist, in den Teich bringt. Wenn ich aber komme, steigt schon ein anderer vor mir hinab.“ – Und trotzdem liegt er da! Liegt er da schon lange. Und liegt er da immer noch. Was ist das?

Wir sind das – jedenfalls oft: Wir haben unser Leben eingerichtet. Es läuft so. Aber es bewegt sich nicht mehr viel. Bei allem was uns unangenehm ist, bietet unser Leben, so wie es ist, doch einige Sicherheit, auch einigen Komfort. Keine andauernde Herausforderung. Wir haben uns eingerichtet in der Konkurrenz- und Wettbewerbsgesellschaft. Und wir haben uns abgefunden.

Willkommen am Teich Bethesda!

Aber nun passiert etwas: Bisher wird in der Vergangenheit erzählt, wie es in Erzählungen der Fall ist: „Da war ein Mann, der hatte schon lange….“  Aber nun kippt die Erzählung in die Gegenwart. Einer spricht den lange Liegenden an und fragt ihn: „Was willst du wirklich? Willst Du hier liegen bis ans Ende deiner Tage? Oder willst Du gesund werden?“ Und der Mann weicht aus. Er antwortet nicht, was er will. Er schafft sich vielmehr Ausflüchte und begründet, warum alles nicht klappt. Warum er wirklich nichts machen kann. Er hat nicht einmal mehr einen eigenen Willen. Und er hat nicht das Gefühl, dass er selbst etwas bewegen kann. Willkommen im Club der Alternativlosen.

Was Jesus macht, ist nur eins: dass er den Mann in seine eigene Kraft zurückruft: „Steh auf, nimm dein Bett auf und geh!“ – Das, so diese Geschichte, ist die Heilung für den Mann. So angesprochen zu werden. Nach so vielen Jahren zugetraut zu bekommen, dass er nicht auf eine Bewegung von außen warten muss, sondern dass er sich selbst bewegen kann. Aufstehen. Etwas aufnehmen. Etwas tragen und gehen.

In heutiger Sprache nennt man dieses Bewusstsein, das Bewusstsein von der eigenen Selbstwirksamkeit. Die innere Überzeugung: Ich kann etwas bewirken.

Das Gefühl der Selbstwirksamkeit ist eine von sieben Säulen, die zu unserer seelischen Gesundheit beitragen, wie Psychologen sagen. Diese sieben Säulen bilden zusammen eine Säulenhalle der anderen Art. Gerne möchte ich Ihnen diese sieben Säulen vorstellen:

Da ist zuerst: Die Akzeptanz – ich akzeptiere erst einmal, was der Fall ist. Ich leugne nicht und ich beschönige nicht. Ich weiche nicht aus. Die zweite ist: Optimismus – ich schaue vertrauensvoll in die Zukunft. Ich glaube und hoffe, dass die Dinge gut werden können. Die dritte Säule heißt: Selbstwirksamkeit. Das Vertrauen geht nicht nur nach außen. Es geht auch in mich selbst. Die vierte Säule unserer seelischen Gesundheit ist: Eigen-Verantwortung. Ich gehe nicht in die Opfer-Rolle. Ich selbst bin verantwortlich für das, was geschieht oder nicht geschieht. Die fünfte heißt: Netzwerkorientierung. Das ist der Gegenentwurf zur Konkurrenz- und Wettbewerbsgesellschaft. Ich muss die Dinge nicht allein tun. Ich muss sie auch nicht in einer Konkurrenz gegen andere tun. Wir können kooperieren. Und das macht erwiesenermaßen viel glücklicher als Konkurrenz. Die sechste Säule ist: Lösungsorientierung. Ich bleibe nicht hängen in der Erklärung, warum alles nicht geht. Sondern ich frage: Wie sieht die Lösung aus. Oder: ein erster Schritt in Richtung Lösung. Und schließlich 7. Zukunftsorientierung: Ich entwickle ein Bild von einer Zukunft, in der ich leben möchte, und schaue, was ich dazu tun kann.

Die sieben Säulen der seelischen, geistigen und sicher auch körperlichen Gesundheit sind das.

Sie sind so etwas wir unsere innere Säulenhalle. Man kann sie sehr gut den Haltungen des Lahmen von Bethesda gegenüberstellen. Und man kann sie mit der Intervention Jesu, die zu seiner Gesundung führt, verbinden.

Die Begegnung Jesu mit dem Lahmen in der Säulenhalle von Bethesda ist der Wendepunkt in seinem Leben. Jesus konfrontiert ihn mit der Frage „Willst du gesund werden?“ Man könnte sagen: Was für eine Frage? Warum liegt er denn sonst da? – Aber die Frage ist eben die alles entscheidende. Denn der Mann liegt zwar da, aber so, wie er daliegt, wird er faktisch nie gesund werden. Was also will er wirklich? Jetzt. Hier und heute. – „Was willst du wirklich?“ Diese Frage ruft uns in die Gegenwart, die die einzige Zeit ist, die wir gestalten können.

Sie führt uns dahin, dass wir unsere eigene innere Säulenhalle zu bauen beginnen, mit den Haltungen, die unsere seelische Widerstandkraft stärken und uns gesund machen.

Ist das ein Wunder, wenn es geschieht? Ja, ist es! Wenn Menschen aus ihrer Resignation und Lähmung zurückfinden in eine eigene Bewegung, die sie selbst wählen; wenn sie merken, dass es auf sie ankommt und dass sie etwas tun können; wenn sie aus der Verlorenheit heraus in eine Präsenz kommen, ist das vielleicht das größte Wunder, das es gibt. Was könnte Glaube Schöneres bewirken?

Glaube und Religion können ganz verschieden aussehen. Sie können Angst machen oder Hoffnung. Sie können Menschen klein machen oder aufrichten. Sie können lähmen oder beleben. Diese Geschichte vom Teich Bethesda, die den Hilflosen in seine eigene Kraft bringt, ist eine der heilsamsten in den Evangelien.

Eine UTOPIE? – Ja, aber eine sehr reale.

UTOPIA TOOLBOX  I  “Der falsche Pfarrer“ – Kanzeltausch evangelisch-katholisch

TatOrtZeit – Gottesdienst 9.7.2017   I   20.15 Uhr   I   St. Paul

 

 

 

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